von Ubasser

Erna Kelm, Diakonisse aus Bromberg, berichtet über das Lager Potulice:

 „Wie sollen wir nur die Kinder anfassen, sie zerbrechen uns in den Händen.”

Ich war von November 1945 bis September 1947 dort und will aus eigener Erfahrung schildern, wie es dort zugeht.  Es gehörten 29 000 Deutsche zu diesem Lager.  Die meisten waren auf Arbeitskommandos außerhalb, 4000 etwa im Lager.

Beim Eintritt in das Lager beginnen die ersten Grausamkeiten, und bei der Beerdigung hören dieselben auf.  Bei der Revision wurde den Menschen alles, was sie noch an guten Sachen, auch Photographien, besaßen, fortgenommen.  Die 14tägige Quarantänezeit ist, seit der jetzige Chefarzt dort ist, besonders im Winter, weil die Baracken nicht geheizt werden, eine Qual; Strohsäcke gibt es in diesen Baracken nicht.  Soweit die Menschen im Besitz von Betten und Kopfkissen sind, werden diese ihnen abgenommen, über eine Decke verfügen die meisten nicht.  So wissen sie nicht, was sie auf die Bretter legen und womit sie sich bedecken sollen.  Die Fenster mußten auch bei starkem Frost geöffnet sein.

Traf der Chefarzt, Dr. Cedrowski, ein nicht ganz geöffnetes Fenster oder eine Frau, die wegen ihres geschorenen Kopfes bei strenger Kälte eine Kopfbedeckung hatte, so erfolgten Strafen: Ohrfeigen, Kniebeugen, stundenlanges Sitzen in Hockstellung bei offenem Fenster und halb entblößtem Oberkörper.  Eine schlimme Strafe ist, den Zementfußboden im Flur den ganzen Tag über immer wieder wischen, auch wenn die Knie schon wund sind.  Geht der Chefarzt in den nächsten Tagen durch die Baracken und sieht die wunden Knie, da sagt er: “Gut so, weitermachen!” Zuweilen wird Frauen der Kopf trocken rasiert, was besonders schmerzhaft ist.

Nach der Quarantänezeit kommen die Aufgenommenen zu allerlei Arbeiten.  Bei den Arbeiten auf dem Gut, in der Gärtnerei und sonstigen Arbeiten, die außerhalb des Lagers verrichtet werden, wurden die Menschen sehr geschlagen.  Kommt dieses der Lagerleitung zu Ohren, und es wird der Fall untersucht, werden solche Zeugen herangeholt, die nichts Bestimmtes aussagen können.  Sagt ein Zeuge die Wahrheit, so wird er am nächsten Tage so geschlagen, daß er nicht imstande ist, noch einmal darüber zu sprechen.  Ich habe oft Körper gesehen, an denen keine weiße Stelle zu entdecken war.

Eines Tages wurde eine Frau bei der Arbeit erschossen, angeblich wegen Fluchtverdacht, was aber nicht auf Wahrheit beruhte.  Daraufhin wurde der schrecklichste Milizmann mit einigen Deutschen hingeschickt, die Leiche zu holen.  Diese wurde auf Forkenstiele gelegt, und acht Frauen mußten sietragen.  Die anderen der 150 Personen, die dort arbeiteten, wurden aufgefordert, sich quer über den Weg zu legen, und die Frauen mußten mit der Leiche laufend über diese hinweggehen.  Diejenigen, die die Leiche trugen, wurden sehr geschlagen, denn beim Laufen kam es vor, daß die Leiche ihnen von den Forkenstielen herunterfiel.  Einem jungen Mädchen hatten sie das Fleisch von den Wadenknochen abgeschlagen.  Als das Fleisch später in Fäulnis überging, wurde sie ins Spital eingeliefert und starb an den Folgen.

Eine andere Frau kannte die Ordnung noch nicht, da sie den ersten Tag bei der Arbeit war.  Sie entfernte sich, um ihre Notdurft zu verrichten.  Daraufhin wurde sie so geschlagen, daß sie ins Lager getragen und ins Spital eingeliefert werden mußte.  Außer dem Gesicht war von den Knien bis zu den Händen der Körper nicht blau oder grün, sondern kohlschwarz.  Eine Stunde nach ihrer Einlieferung war sie eine Leiche.

Besonders gequält wurden die Menschen im Winter 1946/47 bei der Waldarbeit.  Männer und Frauen mußten Stubben (Baumwurzeln) roden.  Die Erde war hart gefroren.  Auch hier reichten die Kräfte nicht aus, um das ihnen auferlegte Pensum zu schaffen.  Männer mußten in die Löcher der ausgeredeten Stubben hinein.  Dann wurde über ihre Köpfe hinweg geschossen, um sie zu schrecken.  Auch blieben hier die Schläge nicht aus.  Hierauf legte man ihnen eine Kette um, und die anderen mußten sie herausziehen und auf dem Schnee herumschleifen.  Ein besonders elender Mann machte in seiner Verzweiflung eines Nachts seinem Leben durch Erhängen ein Ende.  Frauen mußten mit einem großen Arbeitswagen all die Stubben aus dem Walde ins Lager fahren.  Auch diese wurden, weil sie die Last in dem Schnee nicht ziehen konnten, durch Fußtritte, Kolbenstöße und dergleichen mißhandelt.

Besonders übel sind die Frauen dran, welche dem “schweren Wagen” zugeteilt sind.  Dieser Wagen muß täglich, im Winter dreimal in ein 3 km von Potulice entferntes Sägewerk nach Brettern und Bohlen fahren.  Die Last, welche 12 bis 15 Frauen ziehen müssen, beträgt 50 bis 75 Zentner.  Auch hier wird tüchtig durch Fußtritte und Kolbenstöße nachgeholfen.  Als ich selbst einige Tage an diesem Wagen war, und wir, fast bis zur Erde geneigt, den Wagen zogen, dachte ich, wenn dieses Bild doch nur durch eine Aufnahme festgehalten werden könnte!  Wenn man es nicht miterlebt hat, kann man es nicht glauben und sich keine Vorstellung davon machen.

Eine Hilfsschwester wurde eines Tages von dem Chefarzt auch an den Wagen beordert.  Der Chefarzt hat nur das Recht, für einen Tag die Leute mit dem schweren Wagen zu strafen, alle weiteren Tage müssen durch den Leiter des Lagers gehen.  Er sorgt dann aber schon dafür, daß es mit dem einen Tage genügt.  Der Grund war, daß sie einem Manne Brot von solchen Patienten gab, die ihrer Krankheit wegen nicht essen konnten.  Sie sollte für eine Nacht in den Leichenkeller gehen, verweigerte dieses mit den Worten:

“Ich will zum Rapport gemeldet werden.” Das ist die neueste Erfindung des Chefarztes, daß das zu bestrafende Personal für eine Nacht in den Leichenkeller gesperrt wird.  An dem Abend wurde ihr gleich das Haar, welches erst 3 cm lang war, wieder ganz kahl geschoren.  Am nächsten Tage ging sie an den schweren Wagen.  Die Wachmänner waren vom Chefarzt eingeweiht.  Sie mußte in der weißen Schürze gehen, damit sie gleich erkannt wurde.  Am Vormittag wurde sie schon sehr geschlagen, aber am Nachmittag bekam sie soviel Schläge, daß sie nicht mehr allein ins Spital gehen konnte.  Fast zwei Wochen mußte sie liegen, ehe sie imstande war, sich bewegen zu können.  Damit dieses nicht in der Krankengeschichte festgehalten wurde, mußte sie, was sonst nicht erlaubt war, im Personalzimmer liegen.

Die schwerste Strafe ist der Bunker.  Hier kommen die Menschen ganz entkleidet hinein.  Täglich wird ihnen ein Eimer kalten Wassers über den Kopf gegossen, und sie müssen Tag und Nacht im Wasser stehen.  Die Männer bekommen 25 Hiebe auf die Fußsohlen, und die Frauen werden in die Leistengegend geschlagen.

Es wurden Menschen aus dem Bunker ins Spital eingeliefert, bei denen sich das Fleisch von den Knochen löste und sie bald ein Opfer des Todes wurden.  Das Schlagen im Bunker besorgte der Chefarzt mit dem Platzkommandanten.  Als im vorigen Sommer [1947] die größten Quälereien verboten wurden, nahm man die zu Bestrafenden in das Büro der polnischen Gestapo oder in das Zimmer des Chefarztes.  Dort wurden sie furchtbar geschlagen.

Um einen guten Gesundheitszustand vorzutäuschen, ist der Chefarzt sehr darauf bedacht, daß die Zahl der Belegschaft im Spital nicht zu hoch wird.  Oft werden die Leute erst dann aufgenommen, wenn sie schon bald halb tot auf der Bahre hereingetragen werden.  Viele brauchen gar nicht mehr in das Bett hineingelegt zu werden, sondern sterben schon auf der Bahre.  Andere werden oft, unfähig allein gehen zu können, entlassen.  Die Zahl der Toten betrug täglich 10-12 Menschen.

Erschütternd sind die Verhältnisse in den drei Baracken für Alte und Arbeitsunfähige.  Etwa 1500 Menschen sind in diesen Elendshütten zusammengepfercht.  Schlimm ist, daß die Geisteskranken ohne Pflege und Aufsicht unter den Alten untergebracht sind.  Viele Alte sterben an Hunger, andere sind so    elend, daß sie des schlechten Eindrucks wegen, den sie in der Öffentlichkeit machen würden, nicht nach Deutschland abtransportiert werden, sondern auf ihren Tod warten müssen.  Viele Kranke im Lager müßten operiert werden.  Der Unkosten wegen geschieht dieses nicht.  Der Chefarzt gibt auch auf große Bitten der Betreffenden, sie doch für den Transport freizugeben, nicht seine Erlaubnis.  So müssen sie im Lager elend zugrunde gehen.

Innerhalb zweier Jahre waren im Lager Potulice ca. 800 Kinder.  Die Zahl der Säuglinge wechselte zwischen 30-50.  Die Säuglingsbaracke, welche gleichzeitig auch Entbindungsstation war, wurde schön hergerichtet.  Das geschah aber nur aus dem Grunde, daß alles einen guten Eindruck machte, wenn die Kommissionen durchkamen und diese dann in der Presse davon berichten konnten.  Doch keiner fragt, wie viele Kinder in den schönen, weißgestrichenen Bettchen verhungert und erfroren sind.

Wenn eine Kommission angesagt war, wurden die Baracken geheizt.  Sobald die Herren aber hinter dem Tor waren, bekamen die Männer, die dieHeizung bedienten, den Befehl, das Feuer ausgehen zu lassen.  Als die Sterbezahl der Kinder zu hoch wurde, stellte man einen Ofen auf.  Dieser konnte aber nur mit nassem Sägemehl geheizt werden.  Daher rauchte er so fürchterlich, daß die Fenster geöffnet werden mußten.

Die Nahrung der Säuglinge bestand monatelang aus Wassersuppen.  Ging man des Morgens um 4 Uhr an der Baracke vorbei, dann meinte man, das Blöken der Lämmer, aber keine Kinderstimmen zu hören.  In kurzer Zeit sind von 50 Säuglingen nur zwei am Leben geblieben.  Von diesen zweien hatten die Mütter Gelegenheit, ihnen zusätzlich etwas zu geben.  Eines Tages ging ein polnischer Herr durch die Baracke.  Als er die Kinder sah, meinte er, die müßten Milch haben.  Die Antwort des Chefarztes war: “Esgenügt, wenn es auf dem Papier steht.” Anderen Herren wurde erzählt, daß die Kinder Butter und Milch bekämen, welches gar nicht der Wahrheit entsprach.

Die Kinder von 1 1/2 bis 10 Jahren befanden sich in einer Kinderbaracke.  Diese durften bis Mai 1947 nur mittags etwas draußen sein.  War der Chefarzt, Dr. Cedrowski, aber im Lager, wagte es kein Kind, herauszugeben.  Den ganzen Tag hockten sie eingeschüchtert und verängstigt auf den Betten.  Zu den grausamsten Tagen zählen auch die, wenn die Mütter mit ihren Kindern, soweit sich diese im Lager befanden, auf dem Platz antreten mußten, die Kinder ihnen fortgenommen wurden, und sie nicht wußten, wo sie blieben.  Weinten die Mütter, dann bekamen sie Kolbenstöße.  Viele Mütter haben nie mehr etwas von ihren Kindern erfahren.

Im Jahre 1946 kamen viele Kinder in das Kinderheim nach Schwetz.  Als dann später wieder ein Transport dorthin ging, konnte ihn eine deutsche Frau, die als Schwester im Lager arbeitete, begleiten.  Als diese sich dort, im Auftrage einiger Mütter, nach deren Kindern erkundigte, wurde ihr gesagt: “Es sind Tausende von Kindern hierher gekommen, wir konnten sie listenmäßig nicht erfassen.  Die meisten waren noch so klein, daß sie ihren Namen nicht wußten, sehr viele sind gleich von polnischen Leuten abgeholt worden, wir wissen nicht, wo sie sind.”

Als eine Anzahl von Müttern zum Transport ins Reich bestimmt waren und diese ihre Kinder durch das Rote Kreuz suchen ließen, wurden einige Kinder zurückgeführt, welche schon einen polnischen Namen trugen.  Darum braucht man sich nicht zu wundern, daß – man kann wohl sagen – Tausende nicht mehr ausfindig gemacht werden können.  Auch hat man sie so stark in andere Kinderheime, wie z.B. Bromberg, Schubin, Hohensalza, Tuchel, Konitz, Thorn und verschiedene andere gepreßt, daß ein großes Massensterben einsetzte.  Eine Mutter hat von fünf Kindern nur noch eins zurückbekommen.  Dieses ist aber kein Einzelfall.

Kinder im Alter von 8 Jahren mußten bei polnischen Bauern Pferde putzen, pflügen, eggen und alle anderen Landarbeiten verrichten.  Ein Kind erzählte mir mit Tränen in den Augen, daß es sich zum Putzen des Pferdes einen Schemel herangestellt hat.  Drehte das Pferd sich, dann fiel es in den Dung.  Kam der Bauer, und das Mädelchen war mit dem Putzen nicht fertig, so wurde es geschlagen.

Ein anderes Mädchen berichtet: Ichkam zu einem polnischen Bauer.  Das Ehepaar war kinderlos, und so wollte man mich für eigen annehmen.  Ich wollte aber deutsch bleiben.  Als ich darauf bestand, wurde ich viel geschlagen.” (Dieses Mädchen war 10 Jahre alt.) Schickte ihre Mutter ihr Sachen, so wurden sie ihr nicht ausgehändigt.  Von März 1945 bis Dezember hat sie alles getragen.  Als es aber zu Weihnachten ging, schrieb das Kind alles seiner Mutter, welche 40 km entfernt auf einem Gut arbeitete.  Als die Mutter den Brief erhalten hatte, wurde sie an einem Morgen tot im Bett, den Brief vor ihr liegend, aufgefunden.  Der Arzt stellte fest, daß sie an Herzkrämpfen gestorben sei.  Helga – so hieß das Kind – erhielt ein Telegramm.  Aber die Polin erlaubte nicht, daß sie zur Beerdigung fuhr.  Das Kind wurde sehr von Selbstmordgedanken geplagt, weil es sich sagte: Hätte ich nicht alles meiner Mutter geschrieben, lebte sie heute noch.

Auch war es nicht erlaubt, daß Geschwister miteinander sprechen.  Eines Abends hatte ich dienstlich in einer Kinderbaracke zu tun.  Ein Junge, 13 Jahre alt, war ins Lager gekommen und hörte, daß seine Schwester, 9 Jahre alt, in der Baracke sei.  Er kam andie Baracke, sie freuten sich des Wiedersehens nach fast drei Jahren.  Der Platzkommandant traf die beiden an.  Der Junge bekam einen Schlag ins Genick, daß er zu Boden fiel.  Hierauf bekam er Fußtritte, daß einem beim Anblick fast das Herz brach.  Von wie vielen Fällen könnte man noch berichten!

Grausam war die Behandlung deutscher Kinder in Polen.  Es ist mir unverständlich, daß Herren, die keinen Einblick in die Grausamkeiten, die an Deutschen und auch an Kindern geschehen sind, es weitergeben, daß diese Tatsachen nicht der Wahrheit entsprechen.  Augenzeugen stellt man als Lügner dar, deshalb, weil die Kinder jetzt gut genährt aus Polen kommen.  Es ist aber wohl nicht bekannt, daß alle zum Transport bestimmten Kinder vom Arzt untersucht werden müssen.  Alle zum Transport bestimmten Personen, ob Erwachsene oder Kinder, die elend sind, und Aufsehen erregen würden, werden jeweils sofort gestrichen.

Als der Transport im September 1947 ging, war Chefarzt verreist, daher war die Auslese nicht so stark, und es kamen auch elende Kinder mit.  In Breslau wurden die 154 Waisenkinder zurückbehalten.  Ich blieb bei den Kindern.  Masern brachen aus, und die Kinder mußten ins Krankenhaus geschafft werden.  Polnische Schwestern sagten in meiner Gegenwart: “Wie sollen wir nur die Kinder anfassen, die zerbrechen uns in den Händen!” Es kamen sogar diesen Schwestern die Tränen in die Augen.

Die Kinder gehen nur in Lumpen gehüllt.  Einen Tag, bevor der Transport geht, müssen alle antreten, und dann bekommen sie Sachen.  Bis dahin kümmert sich keiner um die Bekleidung.  Im Gegenteil, wenn sie ins Lager kamen und einzelne noch über ein gutes Stück verfügten, verschwand dieses. Jetzt, da die Polen sahen, daß sie durch die Transporte nicht mehr alles verbergen können und auch die Kinder nicht alle zurückbehalten werden dürfen, bekommen sie eine gute Zuteilung.  Doch man kann die Schandtaten der drei Jahre damit nicht zudecken. (Ostdok. 2/38/99-103.)

Quelle: Wilfried Ahrens, Verbrechen an Deutschen, Arget 1984²,  S. 133 – 138


Original und Kommentare unter:

http://morbusignorantia.wordpress.com/2012/09/11/erna-kelm-das-lager-potulice-ein-tatsachenbericht/