Zur Entspannung vom politischen Kampfalltag möchte ich meinen Lesern am heutigen Sonntag mal wieder eine Geschichte aus meiner eigentlichen beruflichen Tätigkeit erzählen. Über Krokodilfang hatte ich ja schon letztes Jahr zur Adventszeit berichtet. Heute will ich das in Bezug auf  Nashörner tun. Eigentlich wollte ich zunächst einmal grundsätzlich über die Entwicklung des Tierfangs mit Narkosetechnik und entsprechenden Gewehren erzählen, wie das heute aus der Wildbiologie überhaupt nicht mehr wegzudenken ist. Ein sehr interessantes Thema. Aber noch interessanter ist es für die meisten Leser wohl, wenn es unmittelbar um die Anwendung der Narkosetechnik in freier Wildbahn geht. Noch dazu bei einem so impostanten Tier wie dem Nashorn. (Bei anderer Gelegenheit hätte mich ein solches Nashorn fast einmal umgebracht.)

Aber jetzt los mit der Geschichte: Es begab sich, daß einige Farmer im Norden Namibias, dem ehemaligen Deutsch-Südwest, wachsende Probleme mit einer Gruppe Schwarzer Nashörner hatten, die dort in der Gegend auftraten. Besonders mit den großen Bullen war es immer wieder zu teilweise gefährlichen Zwischenfällen gekommen und die Angestellten weigerten sich, in der Nashorngegend auf dem Feld zu arbeiten. Auch zerstörten die Rhinozerosse beständig die Einzäunungen um die nach europäischen Maßstäben unvorstellbar großen Farmgelände. Nun ist es dank der Möglichkeiten der modernen Narkosetechnik glücklicherweise so, daß man diese wunderbaren Tiere nicht abzuschießen braucht, sondern man kann sie von dort, wo es zu den geschilderten Kollissionen kommt, als Lebendfang in andere Gebiete umsiedeln. Oder kann sie auch in Zoos verbringen, wenn in den zur Verfügung stehenden Schutzgebieten die Populationsobergrenze schon erreicht ist. Das eigentliche Problem ist ja nicht, daß sich die Wildtiere in den Schutzgebieten nicht genügend vermehren würden, sondern daß dort die Aufnahmefähigkeiten meist erreicht sind und es einfach viel zu wenige Schutzgebiete gibt und andererseits die Landnahme durch den Menschen auch in Afrika rapide voranschreitet.
Die schönen Bilder vom Wildreichtum in den Schutzgebieten täuschen die Weltöffentlichkeit darüber hinweg, wie trostlos es in den größten Teilen Afrikas hisichtlich seines dort einst vorhandenen Tierbestandes wirklich aussieht.
 
Wie bei der Geschichte von den Krokodilen mit jenen Panzerechsen, so war dies damals mein erster Auftrag in Bezug auf den Fang und das Umsiedeln von Nashörnern gewesen. Diese Ersterlebnisse bleiben meist besonders deutlich im Bewußtsein. Wenn es auch danach beim Nashornfang für mich noch sehr eindrückliche Begebenheiten gegeben hatte. Bis dahin hatte ich also noch kein Nashorn gefangen und umgesiedelt gehabt. Zu dem Zeitpunkt waren mir auch weit mehr die Weißen Nashörner geläufig, weniger die Schwarzen, um die es hier jetzt ging.
Dazu möchte ich anmerken, daß die Bezeichnungen Weißes und Schwarzes Nashorn doch recht irreführend sind. Wenn die „Schwarzen“ Nashörner alles in allem auch vielleicht tatsächlich etwas dunkler in Erscheinung treten, so gibt es doch bei beiden Arten eine Variabilität in der Helligkeit der Hautfärbung, daß durch die dadurch bedingten Überschneidungen diese als sicheres Unterscheidungsmerkmal ausscheiden muß. Doch ist der Unterschied beider Arten im Habitus so groß, daß bei einiger Übung die Unterscheidung auch dem Laien keinerlei Schwierigkeiten bereitet. Besser ist jedenfalls die unterdessen auch gebräuchlichere Bezeichnung Spitzmaulnashorn für das Schwarze, und Breitmaulnashorn für das Weiße. Wobei das Erstgenannte heute die weitaus seltenere Art ist.
So ganz nahe verwandt sind die beiden Arten übrigens gar nicht; wie auch der Afrikanische und der Asiatische Elefant gehören beide verschiedenen zoologischen Gattungen an.
In freier Wildbahn wirken die größeren, massigeren Breitmaulnashörner zumeist friedlicher als die, wenn man das bei so einem mächtigen Tier sagen kann, „quirligeren“ Spitzmaulnashörner. Meiner späteren Erfahrung mit beiden Arten in menschlicher Obhut nach sind dort aber wiederum die Spitzmaulnashörner jene, die einer Zähmung oder zumindest Gewöhnung an den Menschen zugänglicher sind als ihre etwas größeren Vettern.
 
Glücklicherweise konnte ich, um mir entsprechende praktische Kenntnisse zu erarbeiten, die Erlaubnis erwirken, zwei Wochen mit einem exzellenten Experten für Nashörner in einem südafrikanischen Nationalpark zusammenzuarbeiten. John, wie dieser patente Mann mit Vornamen hieß, war im wahrsten Sinne des Wortes im Busch zuhause. Er wohnte in einer Lehmhütte in unmittelbarer Nähe der Nashornkraale, weil er Tag und Nacht Kontakt zu seinen Rhinozerossen haben wollte; auch um sofort mitzubekommen, wenn ein Tier tobte oder sich nicht wohlfühlte. Er stand nachts mindestens drei- bis viermal auf, ging nach draußen, um die in den Kraalen unruhig gewordenen Kolosse mit seiner Stimme zu beruhigen. Im Feld bewegte er sich, ganz wie ein Buschmann, trotz der allgegenwärtigen Dornen barfuß, um möglichst lautlos zu sein. Ich war von seiner Art, die Sachen anzugehen, sehr beeindruckt und wir verstanden uns auf Anhieb blendend.
John hat mir seine immensen Erfahrungen stets völlig bereitwillig und ganz selbstverständlich mitgeteilt, was auch in unserem Beruf nicht unbedingt immer selbstverständlich ist. Allerdings trotz allem noch kein Vergleich zu den Eifersüchteleien im universitären Bereich. Welchen ich deshalb auch, von wenigen Ausnahmen abgesehen, als Feld der wissenschaftlichen Lehrtätigkeit zugunsten des Feldes draußen im unmittelbaren Kontakt zum Wildtier weitestgehend gemieden habe.
 

In den 14 Tagen dort im Nationalpark haben wir um die 30 Nashörner betäubt, zum Teil zum Zwecke deren Fangs zur Bestandsregulierung, was die Jungtiere betraf, zum Teil wurden sie auf ihren Gesundheitszustand untersucht, vermessen, mit kleinen Ohrmarken versehen, an den Zähnen ihr Alter bestimmt und nach der Narkose wieder laufen lassen. Das von uns damals verwendete Narkosemittel für Nashörner war ein Morphiumderivat namens Themalon. Ursprünglich war es zur Betäubung von Hunden und Kleintieren entwickelt worden und in Tablettenform im Handel. Je nach Gewicht des Hundes nahm der Tierarzt eine gewisse Anzahl Tabletten, löste sie in sterilem Wasser auf und injizierte die Flüßigkeit. Nach kurzer Zeit schlief der Patient in einem schönen Morphinrausch. Allerdings ist ein Nashorn um ein gewaltiges Vielfaches schwerer als der schwerste Hund, so daß die erforderliche Konzentration über das Auflösen dieser Tabletten nicht in praktikabler Form zu erreichen war. Wir bekamen das Themalon von der Herstellerfirma deshalb als Pulver in stärkerer Konzentration des Wirkstoffs; für ein ausgewachsenes Nashorn benötigte man in dieser Form drei Gramm davon. Das klingt nach einer sehr geringen Menge, doch brauchte es wenigstens 15 cm² Wasser, um die drei Gramm hochkonzentriertes Themalonpulver aufzulösen. Bei einer normalen Spritze spielte das keine Rolle, aber hier ging es ja um einen Injektionspfeil, der mit einem speziellen Luftdruckgewehr geschossen werden mußte. Bei einem Durchmesser des Injektionsgeschosses von 1 cm ergibt das bei 15 cm² Lösung bereits 20 cm Länge allein für die Aufnahme des Serums und damit ein entsprechendes Gewicht; dazu kommen dann der Kolben aus Gummi sowie die Nadel mit Gummimanschette und eine farbige Quaste am Ende des Pfeils. Ein Betäubungspfeil dieser Länge und dieses Gewichts flog bei dem zur Verfügung stehenden Luftdruckgewehr im besten Fall noch zehn Meter geradeaus – und dann muß ja auch noch ausreichend Schub dasein, damit die Nadel tief genug durch die Haut des Rhinozerosses dringt. Das heißt, man muß auf zehn Meter an das zu betäubende Nashorn heran, um die Injektion plaziert einschießen zu können. Darin liegt bei so einem wehrhaften Tier natürlich ein Problem. Und zur Wehrhaftigkeit kommt dann noch die Tatsache, daß es ja grundsätzlich nicht so einfach ist, überhaupt so nah an ein Wildtier ranzukommen.

John aber war völlig unerschrocken; er pirschte sich mit der ihm eigenen Gewandtheit und Erfahrung an die Nashörner heran, stand dann plötzlich auf, daß sie ihn für einen kurzen Moment des Schrecks gebannt ansahen, zielte und schoß. Für gewöhnlich schnaubte das getroffene Rhinozeros dann auf, drehte sich einmal im Kreis und lief weg. Nur zweimal in seiner ganzen langen Praxis ist es John passiert, daß er bei solcher Gelegenheit von einem Nashorn angenommen wurde, und auch da hat er sich so kaltblütig und geschickt verhalten, daß er nicht verletzt wurde.

Die Nashörner, welche wir so betäubten, waren alles Breitmaulnashörner gewesen. Nur ganz zum Schluß betäubten wir auch ein Spitzmaulnashorn, um festzustellen, ob die Dosis und der sonstige Ablauf gleich wären. Dem war so.
 
Ich kehrte dann nach Namibia zurück, um mit meinem im Nachbarland erworbenen Wissen daranzugehen, das Beste aus meiner Aufgabe zu machen. Diese hieß, jene zum Problemfall gewordenen Spitzmaulnashörner lebend zu fangen. Von John hatte ich ja alles gelernt, was dazugehört. Mit einer riesigen Kiste auf meinem Lastwagen und einigen schwarzen Helfern machte ich mich auf den Weg zu der betroffenen Farm. Doch die Verhältnisse dort waren ganz andere als die im Naturschutzgebiet in Südafrika mit seiner großen Nashorndichte es gewesen waren. Hier gab es auf einem riesigen Gebiet gerade einmal zwei oder drei permanent ansässige Rhinos, die anderen wechselten über vier und fünf ebenfalls riesige Farmen. Schon das Aufspüren der Tiere war also immens schwierig. Tagelang und meilenweit bin ich mit meinen Leuten auf der Suche nach Nashornspuren gelaufen, über schroffes Gelände mit scharfkantig verwittertem Gestein; Klippen, wie es dort heißt. Nach einer Woche waren die Sohlen unserer Schuhe zerschlissen. Die Nashornpfade selber, etwa einen halben Meter breit, sind schön ausgetreten, sie scheinen Jahrtausende alt oder gar noch älter zu sein. Doch kein Nashorn war zu sehen. Ich hatte schließlich eigens eine Prämie ausgelobt für den, der mir als erster ein Nashorn zeigte. Nach dreizehn Tagen vergeblicher Suche, an einem Sonntagmorgen, lagen wir auf einem Bergrücken und suchten die Gegend mit Falkenaugen und Ferngläsern ab – da, endlich war es soweit: Einer meiner Helfer entdeckte ein Nashorn, das unter einem Baum im Schatten lag. Es schien fest zu schlafen. Allein, um möglichst leise zu sein, pirschte ich mich an das Tier heran, ganz wie von John gelernt. Als langjähriger aktiver Zehnkämpfer und überhaupt guter Sportler hatte ich meine Körperbewegungen entsprechend unter Kontrolle, doch war es hier auf dem Geröll sehr schwer, sich lautlos zu bewegen. Tatsache ist: Ich habe es nicht einmal auf hundert Meter an das Rhinozeros herangeschafft…

War es ein Geräusch, war es die Witterung, was mich verriet? Ich weiß es nicht. Plötzlich hörte ich ein Schnauben, ein Blasen, ein Brechen durchs Gestrüpp, und dann ein immer leiser werdendes dumpfes Tap-Tap-Tap-Tap-Tap – mein Nashorn war verschwunden. In der Vermutung, es würde sich vielleicht bald wieder hinlegen, haben wir es verfolgt; doch selbst nach etlichen Kilometern war an der Spur zu erkennen, daß es immer noch im ausgreifenden Trab dahinlief. Uns uneinholbar entschwunden. Nun war mir klar geworden, wie schwer es hier werden würde, ein Nashorn zu fangen, geschweige denn fünf von ihnen, auf die mein Auftrag lautete.

Weitere vierzehn Tage vergingen auf diese Weise, ohne daß ich ein Rhinozeros vor das Betäubungsgewehr bekam. Der perfekte Nashornfänger, als der ich mich bei meiner Rückkehr von John wähnte, mußte nun erst lernen, sich unter diesen speziellen Bedingungen hier an die Tiere heranzupirschen. Zudem haben Nashörner ein überaus feines Gehör; wenn der Wind günstig steht, können sie das Knacken eines Zweiges auf bis zu vierhundert Metern Entfernung wahrnehmen. Die Sinnesleistungen von Wildtieren sind immer wieder unglaublich.

Schließlich war ich so verzweifelt, daß ich in Südafrika bei Johns Vorgesetzten anrief und ihm rundheraus sagte, ich hätte noch nicht genug gelernt und ob es vielleicht die Möglichkeit gäbe, daß John, auf meine Kosten seiner Ausfallzeit dort, für acht Tage zu mir nach Südwestafrika kommen könne? Der Direktor des Parks dort freute sich über mein ehrliches Eingeständnis und war sofort bereit, mir mein Anliegen zu gewähren. Zwei Tage später kam John zusammen mit seiner Frau Karin in Windhuk an. Am nächsten Morgen waren wir schon unterwegs nach Norden, insgesamt an die zehn Leute, einschließlich Johns schwangerer Gattin, die sich das Abenteuer und vor allem auch die willkommene Abwechslung des Abstechers nach Namibia nicht entgehen lassen wollte. Ich habe meinem Freund dann während der Fahrt geschildert, wie schwierig es dort sei, überhaupt an die Nashörner heranzukommen. Er aber meinte bloß: „Mein lieber Richard, du kennst das alles nur noch nicht gut genug. Laß mich mal machen.“

Auf der Farm angekommen, wollten wir auch gleich durch eine kleine Schlucht ins weite Tal hinein und waren noch nicht einmal hundert Meter gelaufen – da hörte ich Karin erschrocken aufschreien, zugleich ein wütendes Schnauben, und schon sah ich John mit fuchtelnden Armen direkt auf einen halbstarken Nashornbullen zulaufen, um dessen Aufmerksamkeit von Karin ab- und auf sich zu lenken. Der nahm ihn auch sofort an, ging schurstracks auf ihn los – und John rettete sich gewandt wie ein Stierkämpfer im allerletzten Moment mit Schwung auf einen Felsen, während das Rhinozeros mit  massiger Wucht hautnah unter ihm vorbeirannte und in der Schlucht verschwand.

Gott sei Dank haben Nashörner nicht die Gewohnheit, lange hinter einem herzulaufen. Sie wollen einen Störenfried nicht unbedingt töten, sie wollen ihn verjagen.

Auf jeden Fall war die Stimmung nach dieser haarigen Begegnung gleich etwas gedämpfter, auch bei John. An die Nashörner in seinem Wildreservat in Südafrika gewöhnt, war er von diesem hier gewarnt worden, daß die Dinge in Namibias Norden doch etwas anders liegen. Vielleicht hatte der sehr gereizt aufgetretene Bulle auch schon ein paar Kugeln unter der Haut. Es war zwar strengstens verboten, Nashörner zu töten, aber wenn die Farmer sehr wütend waren über einen angerichteten Schaden, dann konnten sie schon mal auf ein Nashorn schießen, um es zu vertreiben. Und diese Erfahrung macht so ein Tier natürlich nicht sehr freundlich.

Den Rest des Tages haben wir damit verbracht, uns das Gelände ganz genau anzuschauen, damit John sich Gedanken machen könne, wie er unter diesen ihm fremden Verhältnissen mit ihm im Verhalten nicht vertrauten Tieren am besten vorgehen sollte. Am Abend auf der Farm haben wir uns noch lange über diese Aufgabe unterhalten und am nächsten Morgen gingen es in aller Frühe wieder raus. Wir hatten Glück, bald entdeckten wir mit unseren Feldstechern im Tal ein Nashorn, welches sich gerade hingelegt hatte. John machte sich fertig, packte den Betäubungspfeil und das Gegenmittel in seine Umhängetasche, ebenso ein Handsprechfunkgerät, damit wir im Notfall Kontakt aufnehmen konnten. Er wollte allein losziehen, auf seine bewährte Methode. Zwei Stunden angespannten Wartens vergingen ohne jede Nachricht von John. Wir konnten ihn ja nicht anfunken, womöglich war er gerade an einem Nashorn dran, und dann würde das Geräusch des Funkgeräts das Tier in die Flucht jagen. Schließlich aber kam John zurück, mit folgender Schilderung: Es war ihm gelungen, sich unter großen Mühen ganz nah an das vordem ausgemachte ruhende Rhinozeros heranzupirschen, bis auf etwa 25 Meter. Er hatte das Nashorn sozusagen fast schon im Sack, als es plötzlich völlig überraschend aufsprang, sich im Kreis drehte und davonlief ohne ihn anzugehen. Es führte ein kleines Kalb mit sich, was wir vorher nicht bemerkt hatten. Gemeinsam nahmen wir die Spur auf: an die fünfzehn Kilometer durch schwieriges Terrain – und das im Januar, das heißt in Namibia bei sengender Hitze und staubtrockener Luft über glühendheiße Steine im schattenlosen Gelände. Es war eine unbeschreibliche Strapaze! Doch Muttertier und Kalb waren nicht mehr zu finden, wie vom Erdboden verschluckt. Wir konnten es kaum fassen, daß Nashörner hier nach so einer kleinen Störung durch Menschen, wie sie ihnen ja doch hin und wieder einmal begegnen müssen, derart weit weg flüchten. Das lag auch ganz außerhalb Johns bisherigen, nun wirklich sehr reichen Erfahrungen mit diesen Tieren.

Bei dieser Gelegenheit will ich gleich anmerken, daß es wohl nirgendwo so schwer, ja fast unmöglich ist, feste Regeln aufzustellen, daß es wohl nirgendwo so viele und so völlig unerwartete Abweichungen von der Regel gibt, wie beim Umgang mit Tieren, zumal mit Wildtieren. Auf diesem Gebiet kann man jahrzehntelang arbeiten – und erlebt doch immer wieder die unglaublichsten Überraschungen.

Der nächste und der übernächste Tag verliefen gänzlich erfolglos. Ebenso die folgenden beiden Tage. Es war frustrierend. Vier volle Tage Schinderei im Gelände bei glühender Hitze, ohne jedes zählbare Resultat… Am fünften Tag dann erspähten wir endlich einen kräftigen Bullen im offenen Gelände, wo man sich aber überhaupt nicht gut anpirschen konnte. Wir kannten inzwischen die einzelnen Wechsel der Tiere; wir wußten, daß sie sich nach Möglichkeit stets so bewegen, daß ihnen der Wind möglichst viel zuträgt und sie über den Stand der Dinge informiert. Der Gesichtssinn der Nashörner ist ja nicht sehr gut.

Wir legten uns einen Plan zurecht: Wenn das Nashorn in der zu erwartenden Richtung flüchtet, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit den uns unterdessen bekannten uralten Wechsel dort zwischen den zwei Bergrücken nehmen. Auf diesem Sattel könnte man es also mit einigem Glück bekommen. Im Schlängeln auf Umwegen begab sich John mit dem schußbereit präparierten Narkosegewehr an die vermutete Stelle, etwa zwei Kilometer von dort, wo sich das Nashorn jetzt befand. Wir anderen warteten ab und machten uns dann an das Tier heran, um es aufzuscheuchen  – und tatsächlich flüchtete es auf dem vorausgesehen Weg in Richtung der Bergrücken. Nun gab es zwei Nashornkilometer lang gespanntes Warten, dann hörten wir John im Handsprechfunkgerät: „Ich habe ihn getroffen! Der Pfeil sitzt.“ Oh wie groß war da die Freude! Endlich! Endlich hat es geklappt! Ein ganzer Monat lag nun schon ohne Erfolg hinter mir, seit ich mit dem Unternehmen begonnen hatte. Und nun also war dank meines Freundes John der Bann gebrochen! Dieser war bereits auf der Spur des geflüchteten Nashorns, in dessen Haut der Narkosepfeil mit seiner leuchtfarbenen Quaste steckte. Es dauert ja immer etwas, bis das Narkosemittel wirkt; die getroffenen Tiere können da oft noch erstaunlich weit flüchten. Johns Funksprüchen folgend langten wir schließlich bei ihm an. Unser erfolgreicher Jäger saß zufrieden lächelnd auf einer Klippe, vor ihm lag das Nashorn im tiefen Morphinschlummer. Für uns alle ein erlösender Anblick nach den Enttäuschungen und Strapazen der letzten Tage.

Jetzt aber kam erst unser größtes Problem: Der Abtransport des gewichtigen Rhinozeros´. Wegen des völlig unwegsamen Geländes hier in den Bergen konnten wir mit dem Lastwagen die Transportkiste höchstens bis auf vierhundert Meter an das betäubte Nashorn heranschaffen. Also was tun? Während wir, uns Gedanken über den Abtransport machend, zurückgingen, um das Fahrzeug zu holen, blieb John beim Nashorn, um den Verlauf der Narkose zu überwachen.

Man kann das Gewicht eines zu betäubenden Tieres im freien Feld nur aus der Ferne schätzen, was schon einmal ganz grundsätzlich entsprechende Erfahrung erfordert, und dann muß aufgrund dieser Schätzung das Betäubungsmittel richtig dosiert werden. Hat man sich verschätzt und die Dosierung war zu schwach, so wirkt das Mittel nicht richtig, oder erst dann, wenn das Tier so weit entkommen ist, daß man es womöglich nicht mehr findet; war das Betäubungsmittel zu stark dosiert, kann es zum Atemstillstand kommen. In diesem Fall, wenn sich die Atmung zu sehr verlangsamt, gibt man das entsprechende Antidot, das Gegengift, das bei solchen Unternehmungen immer zur Hand sein muß. Hier bei unserem Nashorn wäre das Gegengift Lethidron gewesen. Auch das erfordert selbstverständlich wiederum Erfahrung und Fingerspitzengefühl, das Tier soll ja nicht vorzeitig aufwachen, und außerdem sind das ganz grundsätzlich heikle Eingriffe in die Physiologie des Tieres. Nicht von ungefähr ist die Anästhesie ein eigenes Fachgebiet der Medizin. Bei unserem Nashorn gab es allerdings keine Komplikationen; John hatte das hochwirksame Morphinderivat genau richtig dosiert gehabt.

Wir brauchten geschlagene vier Stunden, bis wir den Lastwagen mit Müh und Not auf vierhundert Meter an das Nashorn herangebracht hatten. Auf dem Weg dorthin gab es schroffe Risse im Felsboden, die wir erst mit Steinen verfüllen mußten um weiterzukommen, und auch sonst war das Gelände nur sehr, sehr mühsam zu bewältigen. Endlich dort angelangt, wo es nicht mehr weiterging, galt es die schwere Kiste von der Ladefläche zu bekommen. Dazu haben wir zwei sehr starke Bretterbohlen von hinten an die Ladefläche gelegt, dann die Kiste mit einer Winde etwas angehoben, Rollen untergeschoben und sie mit einem Geländewagen auf die Bohlen und dann über die Bretter gleitend auf den Boden gezogen. Da stand sie. Nun mußte „nur noch“ das narkotisierte eineinhalb Tonnen schwere Nashorn über 400 Meter herangebracht werden! Aber wie? Tragen kann man so einen Koloß ja nicht. Die Lösung der Aufgabe war nur möglich, indem sich das Nashorn selber herantransportierte. Dazu banden wir zunächst ein starkes Seil um den mit mächtigen Muskeln  bepackten Hals des Tieres. Dieses Seil lief nach links und rechts lang aus, um dort an den Enden  von je vier kräftigen Männern gehalten zu werden, damit das Nashorn nicht nach den Seiten würde ausbrechen können. Dann wurde dem morphiumselig schlummernden Rhinozeros intravenös Lethidron in die Ohrmuschel injiziert. So eine Spritze mit dem Antidot wird sehr, sehr langsam und behutsam gegeben, um keine physiologische Schockreaktion auszulösen. Noch während der Injektion bemerkt man die zunehmende Wirkung, und wenn die Spritze herausgezogen wird, steht das Tier auch schon auf. Das Nashorn darf dabei aber natürlich nicht richtig wach werden, das könnte tödlich für die Beteiligten ausgehen; die Dosis war vielmehr so gewählt worden, daß der Riese gerade so wie ein Schlafwandler laufen konnte. Auf diese Art brauchte es geschlagene zwei Stunden, bis wir das Rhinozeros die 400 Meter zur Kiste bugsiert hatten. Unmittelbar vor dieser verklang die Wirkung des Lethidrons und das Morphinderivat schlug wieder durch – der Koloß sackte nieder und schlief ein.

Mittlerweile hatte es zu dämmern begonnen. Ich zog ein Tau durch die Transportkiste, dessen eines Ende am Jeep befestigt war, während das andere Ende dem vor dem Eingang liegenden Rhinozeros ums Horn gebunden wurde; dann brachte ich das Seil mit dem Geländewagen behutsam auf Spannung, währenddessen John dem Tier nochmal eine kleine Dosis des Antidots verabreichte. Wieder rappelte es sich wankend auf, und ich zog es mit dem Jeep sachte in die massive Transportkiste. Nun wurde die Tür geschlossen und verschraubt, sowie zusätzlich noch mit vorgeschobenen zwei Zoll starken Rohren gesichert.

Auf den Lastwagen, noch dazu mit eineinhalb Tonnen Nashorn extra, war die Kiste noch schwieriger zu bringen als herunter. Auch hier leistete der Geländewagen gute Dienste. Mit ihm schob ich die Kiste erst auf die Bohlen, wobei dieser von vorne immer wieder Rollen untergelegt wurden, dann mußte der Jeep ebenfalls auf dieser Bohlenrampe zur Ladefläche hin hochfahren, um die Kiste mit viel Fahrgefühl bei diesem Akrobatenakt dorthin zu schieben. Den Geländewagen hatten wir vorher extra mit Steinen beschwert, damit er bei dieser Arbeit auf den Bohlen nicht ins Rutschen kam.

Man muß sich hier auch die ungeheure Belastung der beiden entsprechend starken Bohlen vergegenwärtigen, welcher diese standhielten! Ich weiß heute nicht mehr, aus welchem Holz diese waren, aber dieses darf mit Fug und Recht als Wunderwerk der Natur angesehen werden.
Um neun Uhr abends in tiefster Dunkelheit der südwestafrikanischen Sommernacht hatten wir es geschafft. Völlig erschöpft fuhren wir die fast 300 Meilen zurück zur Wildtierstation. Früh am Morgen kamen wir dort an. Seit Monaten hatte ich schon alles für diesen Moment vorbereitet gehabt. Das Nashorngehege stand fix und fertig da, und die Pfähle, die wir für dieses in den Boden gerammt hatten, trieben bereits aus, und diese Triebe hatten frische grüne Blätter. Das Abladen der Kiste ging genauso vonstatten wie am Vortag oben in den Bergen, nur daß hier auf dem ebenen Boden alles viel einfacher von der Hand ging. Nachdem John, wie ich den jungen Nashornbullen getauft hatte, glücklich untergebracht war, legten wir uns alle erst einmal schlafen. Nach dem Aufstehen am frühen Nachmittag war unser erster Gang der zu John, dem Nashorn. Der Bursche war putzmunter und suchte die Umfriedung seines Kraals nach einer schwachen Stelle ab.
Mit Freude im Herzen betrachteten wir das wunderschöne Tier: Im Vergleich zu Weißen- oder Breitmaulnashörnern wirken Schwarze- oder Spitzmaulnashörner viel agiler; im freien Feld gebärden sie sich aufgeregter, wilder und angriffslustiger als jene, dort sind die Weißen dagegen fast wie  Kühe. Doch während Breitmaulnashörner, wie ich im Laufe meines Berufslebens die Erfahrung machen sollte, nach dem Fang häufig die größten Schwierigkeiten machen, wild sind, aggressiv sind und toben, gewöhnen sich Spitzmaulnashörner in der Regel sehr schnell ein. Bereits nach zwei oder drei Tagen nehmen sie dargereichtes Futter freundlich entgegen und sind durch ihre hier gezeigte größere Umgänglichkeit insgesamt leichter zu halten als ihre breitmäuligen Vettern.
 
 
Heia Safari!
 
Richard Wilhelm von Neutitschein
 
26. Februar 2012
Quelle Text: R.W.v.N.