Hinter dem Rücken der NATO: 

Eine Delegation des Nationalen Übergangsrates, der die Rebellen in Libyen vertritt, war am Donnerstag, dem 12. April, zu Gesprächen mit dem britischen Premierminister David Cameron in London eingetroffen. Aufmerksamen und genauen Beobachtern dürfte nicht entgangen sein, dass der Delegation kein einziger Militärkommandeur angehörte. Zwei Tage später reiste die Delegation am 14. April nach Paris weiter, um sich mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy zu treffen.

Diese Abwesenheit des Militärs ist besonders deshalb merkwürdig, weil neben der von den Rebellen als unzureichend empfundenen politischen Anerkennung und der Forderung nach größerer finanzieller Unterstützung auch die Diskussion über Mittel und Wege, wie der Krieg gewonnen und ein besiegter Muammar al-Gaddafi dann von der Macht verdrängt werden könnte, auf der Tagesordnung stand. Mindestens ein Vertreter des Militärs hätte schon an dieser Diskussion teilnehmen müssen.

In dieser Woche veränderte sich auch die Berichterstattung über die Ereignisse an der libyschen Front in den Medien. Die seit Februar am heftigsten umkämpften Städte Misrata, Ras Lanuf, Brega und Adschabija verschwanden ohne Erklärung von den Titelseiten. Die Luftangriffe der NATO ließen von Angriffen auf militärische Ziele von Gaddafi-treuen Anhängern in diesen Städten ab und richteten sich auf Tripolis oder versuchten, mit einem gezielten Raketenangriff auf Stellungen, in denen Gaddafi vermutet wurde, dem Krieg ein rasches Ende zu bereiten, indem der libysche Machthaber getötet würde.

Der führende britische Militärkommandeur General Sir David Richards erklärte am Sonntag, dem 15. Mai, der libysche Machthaber werde noch lange an der Macht festhalten, wenn die NATO nicht dazu überginge, ihre Luftangriffe auf die Infrastruktur des Landes auszuweiten. Seine pessimistische Zusammenfassung der Ergebnisse einer Woche zunehmender Luftangriffe auf die libysche Hauptstadt gipfelte in dem Eingeständnis, dass die Angriffe bisher ihr Ziel nicht erreicht hätten. Und wenn die Offensive nicht ausgeweitet würde – was den britischen und französischen Einheiten ohne Beteiligung der amerikanischen Luftwaffe nicht möglich sei –, wäre Muammar Gaddafi am Ende noch der lachende Gewinner gegenüber der NATO.

Misrata als Scheinsieg, um die Ehre und den Stolz der Rebellen zu erhalten

Dieses Eingeständnis steht im krassen Widerspruch zu vertraulichen Behauptungen von Fortschritten aus NATO-Kreisen, die von Quellen aus dem Bündnis zu hören sind. Diese immer deutlicher hervortretenden Widersprüche zwischen Medienrummel und Wirklichkeit des libyschen Krieges deuten auf erhebliche Verwirrung im westlichen Lager hin, die, wie Militärquellen berichten, durch eine bisher gut verschwiegene Entwicklung ausgelöst wurde: Die libyschen Rebellenführer stehen in fortgeschrittenen Verhandlungen mit der Militärführung Gaddafis. Diese Verhandlungen stünden kurz vor der Vereinbarung einer Waffenruhe.

Die Kommandeure in Bengasi und anderer Rebellenfraktionen entschieden sich für die Verhandlungsoption, als ihnen klar geworden war, dass sie selbst mit Luftunterstützung der NATO Gaddafi nicht besiegen können. Es fehlt an ausreichenden und kampferprobten Einheiten und entsprechenden Waffensystemen, die notwendig wären, um die Kriegsmaschinerie Gaddafis zu besiegen, die auch von Kämpfern befreundeter Stämme unterstützt und verstärkt wird. Der Vorschlag, auf die Rebellen zuzugehen, stammte von Gaddafis Schwiegersohn und Geheimdienstchef Abdullah Sanusi.

Mit Grüßen eines Clans aus der von den Rebellen kontrollierten Kyrenaika in Westlibyen setzte Sanusi seine Stammesverbindungen zu den Rebellen vor zwei Wochen dazu ein, Geheimagenten in der Rebellen-Kommandozentrale in Bengasi zu platzieren. Es gelang ihnen, die Rebellenkommandeure dazu zu bewegen, Gespräche über Möglichkeiten, die Kämpfe zu beenden, aufzunehmen. Diese Gespräche entwickelten sich zu Verhandlungen, bei denen Gemeinsamkeiten abgesteckt und eine Einstellung der Kampfhandlungen auf beiden Seiten diskutiert wurden.

Um diesen Durchbruch geheim zu halten, einigten sich beide Seiten auf ein Ablenkungsmanöver, das die Form eines »großen Sieges« für die Rebellen annahm, die angeblich Gaddafis Soldaten aus dem strategisch wichtigen Flughafen von Misrata vertrieben und dabei große Mengen an Waffen, darunter 40 Raketenwerfer vom Typ BM-21 erbeuteten.

Rebellenkommandeure erhalten Anteil an den libyschen Erdöleinnahmen

Diese Scharade wurde gemeinsam von den Rebellen und Gaddafis Kommandeuren am 11. Mai inszeniert. Die Rebellen hatten gegenüber Sanusis Agenten erklärt, sie benötigten einen deutlichen Sieg auf dem Schlachtfeld, bevor sie einer Feuerpause zustimmen könnten. Gaddafi akzeptierte das Täuschungsmanöver und ließ die Einnahme des Flughafens von Misrata und die Erbeutung der Waffen zu. Danach kam die umkämpfte Stadt zur Ruhe.

In der Zwischenzeit hatten sich Sanusis Agenten mit den Rebellenkommandeuren auch in einem anderen Punkt einigen können, der Letzteren nicht nur weitere Kämpfe mit überlegenen Truppen ersparte, sondern auch ihre Taschen füllte.

Gut informierte Quellen berichten von einer geheimen Vereinbarung über einen Waffenstillstand im erdölreichen Sirte-Becken, der die Region von der Stadt Sabha im Süden bis zu den Erdölstädten Sirte, Uqalya, Ben Dschawad, Ras Lanuf und Brega an der Küste umfasst. Die Vereinbarung schließt auch die Nichteinmischung in die Erdölproduktion in diesen Becken und die dort befindlichen Exportanlagen ein.

Im Gegenzug stimmte Gaddafi zu, von den schätzungsweise 100 Millionen Dollar an täglichen Einnahmen aus dem Erdöl 10-15 Millionen Dollar an die Rebellenkommandeure unter der Voraussetzung weiterzugeben, dass die Gelder nicht dazu eingesetzt werden, Waffen zu kaufen oder Männer für den Kampf gegen das Regime anzuwerben. Dieses Geheimabkommen verwandelte viele der einfachen Rebellenkämpfer über Nacht in Sicherheitspersonal für den Schutz der Erdölfelder und Verarbeitungsanlagen.

Nachdem die britische und französische Regierung das Doppelspiel der Rebellenkommandeure entdeckt hatten, suchten sie nach anderen Möglichkeiten, Gaddafi außerhalb des Schlachtfeldes, auf dem sie gescheitert waren, loszuwerden. Sie übten entsprechend Druck auf den Chefankläger des Den Haager Internationalen Strafgerichtshofes aus, die Richter aufzufordern, einen internationalen Haftbefehl und eine Vorladung zum Verhör gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al-Islam und Abdullah Sanusi zu verhängen. Gerade die drei waren ja maßgeblich daran beteiligt, die Absprachen mit den Rebellenkommandeuren auszuhandeln, um den Krieg in Libyen ohne Gewinn für die westliche Koalition zu beenden.

Auch wenn die Den Haager Richter schließlich überzeugt werden konnten, diese Haftbefehle auszustellen, gibt es niemanden in Libyen, der sie vollstreckt.

Quelle: DEBKA
bzw.: http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/redaktion/hinter-dem-ruecken-der-nato-libysche-rebellenfuehrer-stehen-kurz-vor-einigung-mit-gaddafi.html