von FRANCO BERARDI    comedonchisciotte (Wiederveröffentlichung aus 2010)

Den folgenden Artikel hatte ich versucht, als Leserartikel in DIE ZEIT zu veröffentlichen vor genau einem Jahr. Er wurde binnen kurzem gekürzt (siehe Markierung)  und danach völlig aus dem Angebot entfernt. Es war ein markantes Erlebnis in Sachen Presse- wie Meinungsfreiheit. Der Artikel ist heute so aktuell wie damals.

«Man hat in Gemetzel unter Kindern angerichtet und die Schuld deren Eltern gegeben, die sie als Schutzschild missbraucht hätten. Ich kann mir nichts infameres vorstellen.  Man hat sie hermetisch in einem Gebiet eingeschlossen und begonnen sie mit den raffiniertesten Waffen, mit unzerstörbaren Panzern zu schlachten, mit modernsten Hubschraubern, die die Nacht zum Tag machen, um besser treffen zu können. Aber 688 tote Palästinenser und 4 Israelis sind kein Sieg, sie sind eine Niederlae für die ganze Menschheit. »
[Stefano Nahmad, dessen Familie unter der Verfolgung der Nazis gelitten hat]

Ich unterrichte in einer Abendschule für Arbeiter, zum großen Teil Ausländer. Es ist die beste Beobachtungsmöglichkeit, zu beobachten, was der Welt widerfährt.
Im vorigen Jahr, als der Tag des Gedenkens näher rückte, den wir jedes Jahr in der Schule begehen. lasen wir Gedichte aus dem Buch „wenn dies ein Mensch ist“ von Primo Levi. Wir haben viel über die Fragen des Judentums gesprochen und über die Geschichte der Juden  in den zurückliegenden Epochen des 20.Jahrhunderts.
Ich habe vorgeschlagen, dass alle einen kurzen Text schreiben sollten über das besprochene Thema.
Claude D, ein junger Mann aus Senegal von etwa 20 Jahren, ziemlich faul aber mit einer lebhaften Intelligenz ausgestattet schloss seinen Aufsatz mit den Worten:: «Jedes Jahr macht man diese Feier zur Erinnerung an der Verfolgung der Juden, aber die Juden sind nicht die einzigen, die unter solcher Gewalt gelitten haben. Warum müssen wir uns jedes Jahr diese Geschichten über sie anhören, während andere Völker genauso abgeschlachtet wurden, ohne dass jemand Notiz davon nimmt ?»

Dieser Satz hat mich getroffen, und ich entschied, ihn als Diskussionsthema vorzuschlagen,
der Klasse, die neben Claude noch aus 5 Italienern, zwei Marokkanern, einem Peruaner, einer Brasilianerin, einem Somalen, zwei Rumänen, eine Ukrainerin und zwei Russen besteht.
Alle waren der gleichen Meinung wie Claude. Um klarzustellen: Niemand zog die Geschichte der Judenverfolgung in Zweifel, auch nicht Yassin , ein junger Marokkaner, der sich leidenschaftlich für die Sache der Palästinenser einsetzt und die Brutalität Israels kritisiert. Alle haben aufmerksam und anteilnehmend die Geschichte von Primo Levi verfolgt.
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Ab hier wurde der Artikel von der Zeit-Redaktion abgeschnitten /zensiert

Jedoch fragten mich alle, warum man keine Gedenkfeiern macht für die Verfolgung der Roma, der Indianer oder für die gerade laufende Vernichtung der Palästinenser?
An einem bestimmten Punkt sagte Claude einen Satz, dem ich nichts entgegen halten konnte:
Warum hat noch nie jemand über einen Gedenktag für den afrikanischen Holocaust nachgedacht?
Man denke an die Mllionen seiner Vorfahren, die als Sklaven deportiert wurden, an den irreparablen Schaden, den dies bei den Völkern des westafrikanischen Golfs hinterlassen hat und ich schloss die Diskussion, die allen eine salomonische Lösung zu sein schien.

«Am Tag der Erinnerung benutzt man den Holocaust zur Erinnerung an alle Holocausts, unter denen Gruppen auf dieser Erde je gelitten haben,»Angenommen, “sich mit etwas identifizieren” sagt etwas aus, an das ich nicht glaube ist für mich diese Identifikation nicht von “Blut und Boden“, wie es die romantischen Deutschen nennen, bestimmt sondern von unserer Literatur, von unserer kulturellen Bildung und von unserem sich entwickelnden freien Willen.
Deshalb sage ich, dass ich Jude bin.
Nicht nur weil ich immer ein starkes Interesse hatte an den geschichtlichen und philosophischen Fragen des verstreuten Judentums, nicht nur weil ich mit Begeisterung die Werke von Isaac Basheevis Singer und Abraham Jehoshua, Gerhom Sholem, Akiva Orr, Else Lasker Shule und Daniel Lindenberg gelesen habe, sondern vor allem, weil ich mich immer zutiefst identifiziert habe mit dem, was man das Wesen des verstreuten Judentums nennen sollte.

In der Neuzeit wurden die Juden verfolgt, weil sie Träger eines Rechts waren, dem sie nicht angehörten. Sie sind der Prototyp der modernen Figur des Intellektuellen.
Intellektuell ist derjenige, der sich mit etwas beschäftigt nicht aus Gründen des Eigeninteresses, sondern aus Gründen der Allgemeingültigkeit.
Die Juden spielten, nachdem die Geschichte sie zu Heimatlosen gemacht hatte, eine fundamentale Rolle bei der Entstehung des modernen Intellektuellen , sie hatten eine benso bedeutende Rolle be der Entwicklung der Aufklärung und des Laizismus wie auch bei der Entstehung des Sozialismus. Singer schreibt auf den letzten Seiten seiner Meshugah,
«Die Freiheit zu entscheiden ist direkt verbunden mit dem Einzelindividuum. Zwei Personen zusammen haben schon weniger Wahlfreiheit als der Einzelne, die Masse als Gesamtheit hat theoretisch keinerlei Wahlfreiheit mehr.»Deshalb bin ich Jude, weil ich nicht glaube, dass die Freiheit in der Zugehörigkeit bedingt ist, sondern nur von jedem Einzelnen selbst. Ich weiß sehr gut, dass die Juden im 20. Jahrhundert, von der Macht der Katastrophe, die sie traf, dazu geführt wurden, sich als ein Volk zu betrachten, das ein Land suchen müsse, auf dem es sich versammeln könnte: der jüdische Staat.
Dies ist das Paradox der Identifikation. Der Nationalsozialismus hat ein Volk zusammengezogen, das vorher die individuelle Freiheit als höchsten Wert ansah und sich damit identifizierte.
Der Gedanke der Zusammengehörigkeit, um darauf einen Konfessionsstaat widerspricht den gedanklichen Gegebenheiten, mit denen eigentlich das  Judentum der Diaspora die europäische Kultur bereichert hatte.

In der Geschichte von Liebe und Finsterns schreibt Amos Oz:
«Mein Onkel war ein überzeugter Europäer, in einer Zeit, in der sich noch niemand sonst als Europäer ansah mit Ausnahme meiner Familie und anderen Juden, die wie sie dachten. Die anderen waren alle Panslawen, Pangermanen oder einfach litauische, bulgarische, irische, slowakische Patrioten. Die einzigen Europäer in ganz Europa in den 20er und 30er Jahren waren die Juden.
In Jugoslawien gab es Serben, Kroaten, Montenegriner, dort gabe auch ein Häuflein überzeugter Jugoslawen, ja sogar unter Stalin, wo es Russen, Ukrainer, Usbeken und Tschetschenen gab, lebten unter ihnen unsere Brüder, als Mitglieder des Volks der Sowjetunion
».

Meine Betrachtung der Nahost-Frage war immer weit entfernt von der arabischer Nationalisten.  Hätte man sich denn je mit einer Vision anfreunden können, die auf Autorität und Faschismus aufgebaut ist ? Und heute sollte man sich vielleicht anfreunden mit einem Blickwinkel religiöser Integration, die die Wut der arabischen Völker durchdringt und die leider auch das palästinensische Volk erfasst hat – trotz seiner laizistischen Tradition ?
Weil ich nicht an das Prinzip des „sich identifizieren mit etwas“ glaubte, habe ich auch nie versucht, mich mit der Idee des palästinensischen Staats zu befassen.

Die Palästinenser wurden erst durch die israelische Aggression 1948 gezwungen, sich zu einer nationalen Identität zu bekennen , die sich danach in brutaler Weise äußerte in Form von Vertreibung, als Verjagen von Familien aus ihren Häusern, als Enteignung  ihrer Besitztümer, als  Zerstörung ihres kulturellen Lebens und derer, zu denen sie gehörten.

Zwei Völker- zwei Staaten, das ist eine Formel, die ein kulturelles und ethisches Unheil sanktionieren würde, weil sie einer -zutiefst jüdischen- Vorstellung entgegensteht, dass eben keine Völker existieren, sondern nur Individuen, die entscheiden, zusammen leben zu wollen.

Vor allem widerspricht die Formel auch dem Prinzip, nach dem Staaten nicht aus einer Identifikation mit etwas wie Blut und Boden gegründet sein sollen, sondern auf einer Verfassung, auf dem Willen einer veränderlichen Mehrheit, was nichts anderes bedeutet als wirkliche Demokratie.

Obwohl ich großes Interesse habe an den Verflechtungen von Fragen der jüdischen Historie mit den jüngsten Ereignissen, habe ich niemals etwas zu diesen Themen geschrieben; nicht zur Belagerung von Bethlehem oder das Massaker von Yenin, nicht zur symbolischen Gewalt, ausgeübt von Sharon im September 2000 oder den kriminellen Bombardements des Sommer 2006, die mir den gleichen Schrecken verursachen wie islamischen Attentate in Jerusalem oder Netanja oder die gelegentlichen Morde an Bürgern Israels durch Kassam-Raketen.

Ich habe nicht geschrieben und es tut mir leid, das sagen zu müssen, weil ich Angst hatte. Dass ich auch jetzt Angst habe, will ich nicht leugnen.
Angst davor, beschuldigt zu werden mit einer Waffe, die ich für widerwärtig halte: Der Antisemitismus.
Ich weiß, dass ich auf Grund einer Konvention beschuldigt werden kann, für meine Ansicht, die anhand der Texte von Avi Shlaim und hundert anderen meist jüdischen Wissenschaftlern gereift ist, dass der Zionismus, wenn noch diskutierbar in seinen Anfängen, sich zu einem politischen Monstrum entwickelt hat.
Obwohl ich Angst habe, kann ich nicht mehr schweigen nach der Diskussion mit meinem Studenten Claude.

Ich betrachte den Zionismus als Ursache unzähliger Ungerechtigkeiten und Leiden für das palästinensische Volk, vor allem aber sehe ich darin eine tödliche Gefahr für Juden generell.
Durch die systematische  Gewaltanwendung, die der Zionismus in den letzten 60 Jahren entfesselt hat, erwacht die Bestie des Antisemitismus wieder, sie wird mehrheitsfähig – wenn nicht im öffentlichen Diskurs, dann doch im gemeinsamen Unterbewusstsein.

Angesichts der Tatsache, dass man nicht frei hinaus sagen darf, dass der Zionismus eine falsche Idee ist, die kriminelle Züge hat, sagen dies viele nicht – auch wenn man sie nicht hindern kann es zu denken.

Nachdem ich die Diskussion über Claude’s Worte eröffnet hatte, habe ich entdeckt, dass die anderen Studenten, Italiener, Marokkaner, Rumänen und Peruaner, obwohl sie zunächst die Frage im politisch korrekten Sinn behandelten, bei der Begründung aber oft ihren wahren Gefühlen Platz gaben, am Ende den Zionismus mit den Juden generell im Zusammenhang sahen und den Weg hin zu einer antisemitischen Haltung einschlugen .
Sie sahen den Staat Israel als kriminell und arrogant und identifizierten sich spontan mit dem geschundenen palästinensischen Volk, mit dem unbewusst ein antijüdischer Reflex reaktiviert wird.

Selbst die Zurückhaltung und der Konformismus, die am Tag des Gedenkens gezeigt werden, provoziert dies im gemeinsamen Unterbewusstsein einen tiefen Antisemitismus, zu dem man sich nicht bekennt und den man auch nicht ausspricht.
Deshalb glaube ich, dass es an der Zeit ist, sich von der Unterdrückung zu befreien und ganz klar die Gefahr des aggressiven Zionismus als Gefahr für alle Juden anzuklagen.

Indem man diese jüdische Frage zu einen TABU transformiert hat, zu dem man sich nicht mehr äußern kann, ohne stigmatisiert zu werden, ist dies in Wahrheit der eigentliche Nährboden des Antisemitismus.
Wir nähern uns dem 27.Januar, der auch n diesem Jahr der Tag der Erinnerung sein wird.

Wie kann ich mit der Klasse, die ich dieses Jahr unterrichte, darüber sprechen ?
Claude ist nicht mehr da, aber dafür andere Jugendliche aus Afrika und Arabien und Slawen, zu denen ich nicht mehr über die Gewalt sprechen kann, die die Juden in den 40er Jahren getroffen hat, ohne über die Gewaltdrohung gegenüber den Palästinensern zu reden.

Wenn ich dazu schweigen würde, würde es ihnen heuchlerisch erscheinen, denn sie wissen, was sich gerade zuträgt.

Und wie könnte ich die Analogien zwischen der Belagerung von Gaza und dem Warschauer Ghetto verschweigen ?
Natürlich wurden im Warschauer Ghetto 1943 58000 Juden ermordet während es gerade mal 1000 tote Palästinenser gibt.
Aber wie schon Woody Allen sagt: „Rekorde sind da, um gebrochen zu werden“.

Ist die Logik hinter der Ghettoisierung von Gaza [das ein katholischer Kardinal als „Konzentrationslager“ bezeichnet hat ] denn nicht recht ähnlich wie diejenige, die zur Ghettoisierung der Juden in Warschau führte ?

Wurden nicht auch die Juden gezwungen, sich zu beschränken auf ein begrenztes Gebiet, das dann in kurzer Zeit zum Ameisenhaufen wurde ? Wurde nicht auch um sie herum ein Mauergürtel von 17 km Länge und 3 Meter Höhe gezogen , genau wie der den Israel um die Palästinenser gezogen hat, um die Palästinenser einzukesseln ?
Waren nicht auch die polnischen Juden gezwungen, an vom Militär kontrollierten Grenzübergängen zu passieren ?

Zur Begründung der Aggression, die täglich Hunderte von Frauen und Kindern tötet und verletzt, bezichtigen die politischen Führer Israels die Kassam-Raketen, die in den letzten acht Jahren 10 israelische Todesopfer gefordert haben.[so viele, wie die israelische Luftwaffe in einer halben Stunden tötet]
Es ist wahr: es ist schrecklich und unannehmbar, das die Hamas die israelische Bevölkerung terrorisiert.
Aber rechtfertigt das die Vernichtung eines ganzen Volkes ?
Rechtfertigt unbestrittener Terror die Zerstörung einer ganzen Stadt ?
Auch die Juden in Warschau benutzten Pistolen, Handgranaten, Molotowcocktails und schließlich ein Maschinengewehr, um sich gegen die Eindringlinge zur Wehr zu setzen.
Waffen, die völlig unterlegen waren, genauso wie die Kassam-Raketen. Aber niemand kann die Juden von Warschau verurteilen für ihre verzweifelte Gegenwehr.

Was kann ich am Tag des Gedenkens sagen?

Kann ich sagen, dass wir aller Opfer von Rassismus gedenken sollten, der von gestern und der von heute ?
Oder werde ich dafür schon des Antisemitismus bezichtigt ?
Wenn an dieser Stelle mich jemand beschuldigen wollte, das würde mir keine Angst machen.
Ich bin es leid, mir Selbstzensur beim Reden und sogar beim Denken aufzuerlegen, während es jeden Tag offensichtlicher wird:
Dass der aggressive Zionismus, abgesehen davon, dass er Krieg. Tod und Verwüstung beim palästinensischen Volk verursacht hat, auch die eigene Erinnerung verwüstet hat, bis dahin, dass an in israelischen Kasernen Hakenkreuzmalereien fand , bis dahin, dass kriegsfreundliche Israelis kürzlich pazifistische Israelis mit den Worten beleidigten: „mit Euch hätte Hitler seine Arbeit beenden sollen“Selbst aus der Sicht von Juden wird der Zionismus zu eines tödlichen Gefahr.
Das fürchterliche Schlachthaus, in das Israel den Gazastreifen verwandelt , wie auch das Bombardement von Beirut vor zwei Jahren sind das Zeichen selbstmörderischen Wahnsinns.

Israel hat alle Kriege in den vergangenen 60 Jahren für sich entschieden und kann auch diesen Krieg gegen eine wehrlose Bevölkerung gewinnen.Aber Hunderte von Millionen junger Moslems, die jeden Abend von der Vernichtung ihrer palästinensischen Brüder erfahren lernen eine Lektion, die neuen Nazismus begründet.Israel mag die Hamas militärische besiegen. Es mag auch noch einen weiteren Krieg gewinnen, wie es sie 1948, 1967 und 1973 gewann. Es mag auch noch zwei Krige gewinnen oder drei oder zehn.Aber mit jedem Sieg erweitert sich der Kreis der Verzweifelten, die Front der Terrorisierten, die zu Terroristen werden, weil sie eine Alternative nicht haben.
Jeder Sieg vertieft den Graben zwischen Juden und 1,2 Milliarden Muslimen.
Und weil keine Militärmacht auf Ewigkeit seine Machtüberlegenheit bewahren kann, müssen die zionistischen Führungsgruppen wissen, dass sich eines Tages der aufgestaute Hass einer anderen großen Militärmacht bedienen kann , dass er dann genauso rücksichtslos entfesselt sein wird, wie sich heute der israelische Hass gegen die wehrlose Bevölkerung von Gaza entfesselt hat

Quelle: Geschrieben von lupo cattivo am 27/01/2011
lupocattivoblog.wordpress.com/2011/01/27/was-sage-ich-meinen-studenten-am-tag-des-gedenkens