Kopp Verlag – Michael Grandt: Der »Friedensvertrag« von Versailles gilt in den Augen politisch korrekter Geschichtswissenschaftler nicht als Grund für Hitlers Aufstieg, sonst könnte ja der Schluss gezogen werden, dass dessen Erfolg durch die unmenschlichen Bedingungen der Alliierten ermöglicht worden wäre, was die gängige Geschichtsschreibung auf den Kopf stellen würde – und doch spricht vieles dafür.

In dieser Folge: Der »Dolchstoß« – Legende oder Wirklichkeit?

Vorbemerkung:

Wir sind immer noch massiven Geschichtsverfälschungen ausgesetzt. Das gilt besonders für die Zeit zwischen 1914 und 1945 und speziell für das Dritte Reich. Überaus eifrig damit beschäftigt, uns die »Wahrheit« näherzubringen, ist dabei der mit vielen Aufzeichnungen und Preisen geehrte Prof. Dr. Guido Knopp, der zwischenzeitlich fast alle Dokumentationen über die Zeit des Nationalsozialismus, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden, betreut. Aber auch seine Bücher sind überaus erfolgreich, obwohl sie für einen Historiker der wahre Albtraum sind: häufig keine Fußnoten, keine Quellenangaben und Zitate, die einfach so im Raum stehen. Nicht umsonst bemängeln Kritiker, dass die Knoppsche Geschichtsdarstellung zu oberflächlich sei und die Zusammenhänge stark vereinfacht werden. Doch wie kaum ein anderer Historiker beeinflusst Knopp mit seinen Dokumentationen und Büchern die Meinung der Menschen. Zeit also, ihm und seinen Mainstream-Kollegen auf die Finger zu schauen und ihre Behauptungen unter die Lupe zu nehmen. In unregelmäßigen Abständen werde ich deshalb zu diesem Thema Artikel veröffentlichen.

Ich agiere dabei als Journalist und fühle mich nichts anderem als der objektiven Recherche verpflichtet. Der Leser kann sich so ein eigenes Bild machen. Kritikern sei angeraten, nicht polemisch zu reagieren, sondern die angegebenen Quellen zu widerlegen.


Der »Dolchstoß« – Legende oder Wirklichkeit? Der Mainstreamhistoriker Guido Knopp schreibt: »Die deutsche Offizierskaste [klammerte] sich an die ›Dolchstoßlegende‹: Das tapfere deutsche Heer sei im Felde ungeschlagen geblieben, an der Heimatfront aber hätten Sozialisten und Pazifisten den Wehrwillen des Volkes untergraben – diese absurde Fabel hatte General Erich Ludendorff in die Welt gesetzt. Er stand 1918 mit Hindenburg gemeinsam an der Spitze der Obersten Heeresleitung und hatte selbst für Friedensverhandlungen plädiert (…) Doch Ludendorffs Lüge wurde begierig aufgegriffen. Nicht zuletzt die konservativen Eliten des Kaiserreichs glaubten, so den Untergang des wilhelminischen Deutschlands erklären zu können. Den Militärs half die Verleugnung der historischen Fakten bei der Bewältigung eines schmerzhaften Prozesses, denn die Niederlage 1918 hatte für unzählige ehemalige Offiziere einen gesellschaftlichen Abstieg mit sich gebracht.« (1)

 

Hat Guido Knopp in diesem Fall recht? Handelte sich wirklich um eine »absurde Fabel«, eine »Lüge« und um eine »Verleugnung der historischen Fakten?«

Wie der Historiker Wolfram Pyta beschreibt, besagt die sogenannte »Dolchstoßlegende«, dass der Ausbruch der Revolution im Innern Deutschland so wehrlos gemacht habe, dass das im Feld unbesiegte Heer nicht mehr für einen erträglichen Frieden habe weiterkämpfen können. (2)

Auch Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, Chef der Obersten Heeresleitung (OHL) äußerte sich dahin gehend, dass gegen Ende des Krieges »die heimliche, planmäßige Zersetzung von Flotte und Heer als Fortsetzung ähnlicher Erscheinungen im Frieden ein[setzte] (…) So musste unsere Operation misslingen, es musste der Zusammenbruch kommen, die Revolution bildete nur den Schlussstein.« (3)

Wie ich bereits erläutert habe, rechneten die Führer der Obersten Heeresleitung (OHL), Hindenburg und Ludendorff, noch Mitte August 1918 damit, in einer strategischen Defensive auf französischem Boden stehen bleiben und dadurch den Feinden ihren Willen aufzwingen zu können. (4) Doch die OHL mahnte, dass das Feldheer sich nur dann auf feindlichem Boden behaupten könne, wenn die Heimatfront intakt bliebe. (5) Am 6. September 1918 sagte Hindenburg in einer Besprechung mit den Generalstabschefs der drei westlichen Heeresgruppen, dass man das Jahr in gesicherter Stellung auf feindlichem Boden überstehen müsse. (6)

Vorrevolutionäre Wende in der Heimat

Parallel dazu vollzog sich in der Heimat eine vorrevolutionäre Wende: Die Parlamentarisierung der Monarchie, die mit schmerzhaften Einschränkungen der kaiserlichen Machtbefugnisse gegenüber dem Reichstag einherging und bald auch Einfluss auf die Armeeführung an der fernen Front nehmen sollte.

Am 3. Oktober 1918 wurde Prinz Max von Baden zum Reichskanzler des Kaiserreiches ernannt, zwei Tage später die parlamentarische Regierungsreform eingeführt.

Am 7. November 1918 fand sich Staatssekretär Matthias Erzberger, der zum Leiter der Waffenstillstandskommission ernannt wurde, im Hauptquartier des deutschen Heeres im belgischen Spa ein und machte zugleich sehr energisch von seiner Weisungsbefugnis gegenüber den Militärs Gebrauch, denn das Parlament war für einen Waffenstillstand.

Es sollte sich aber um einen »Waffenstillstand« und keine »Kapitulation« handeln.

Max von Baden ordnete an, dass entgegen Hindenburgs Vorschlag nur je ein Vertreter der Armee und der Marine seiner Delegation angehören solle. Dies führte dazu, dass sich Hindenburg zu der Äußerung hinreißen ließ, »dass es wohl das erste Mal in der Weltgeschichte sei, dass nicht Militärs den Waffenstillstand abschließen, sondern Politiker« (7). Mit dem Entschluss des Reichskanzlers waren die Verhandlungen mit den Alliierten tatsächlich Zivilisten überlassen, die bisher nur Innen- und Parteipolitik betrieben hatten.

Wilsons Bedingungen

Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson forderte für die Aufnahme von Waffenstillstandsgesprächen zunächst eine schwer hinnehmbare Schwächung der deutschen Kampfkraft. Heer und Marine sollten kampfunfähig gemacht werden und sich somit auf Gedeih und Verderb den Siegermächten ausliefern. (8) Generalfeldmarschall Erich von Hindenburg erließ daraufhin am 24. Oktober 1918 eine Proklamation an das Feldheer, in der es hieß: »Wilsons Antwort kann daher für uns Soldaten nur die Aufforderung sein, den Widerstand mit äußersten Kräften fortzusetzen.« (9)

Wilson knüpfte darüber hinaus auch als Bedingung, eine Umgestaltung der Herrschaftsstruktur des Deutschen Reiches herbeizuführen, und gab sich nicht mit der bereits erfolgten Parlamentarisierung der Reichsverfassung zufrieden. Im Klartext: Der Kaiser sollte entmachtet werden. (10)

Beides brachte die Oberste Heeresführung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff gegen die Reichsregierung auf, die sich Wilsons Forderungen nicht grundsätzlich abgeneigt sah. Als es dann aber letztendlich zum Kräftemessen kam (11), verlor Ludendorff sogar seinen Posten. Der alte Krieger hatte ausgedient. Reichskanzler Max von Baden hatte dafür den Anstoß gegeben.

Hindenburg, der sich opportunistisch fügte, wurde noch dazu benötigt, den Übergang von der absoluten Kaiserherrschaft zur parlamentarischen Monarchie gegenüber dem Heer abzufedern, um einen Aufstand der Soldaten zu verhindern. (12)

Der Kaiser glaubt noch an das deutsche Volk

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Fazit

Die Reichsregierung nahm einen innerdeutschen Bürgerkrieg und einen schmachvollen Friedensvertrag in Kauf, obwohl das Heer keineswegs besiegt war und an verschiedenen Fronten, besonders im Westen und Osten, noch im Feindesland stand.

Betrachtet man also die Umstände auf den Schlachtfeldern, das revolutionäre Treiben in der Heimat, die Umsturzversuche, das unterzeichnungswillige Kabinett und die getrickste Abdankung des Kaisers, um eine Konterrevolution und ein Durchhalten der Armee zu verhindern, spricht einiges dafür, dass es sich bei der sogenannten »Dolchstoßlegende« nicht um eine reine »Legende« handelt. Das allerdings setzt voraus, dass man die Gesamtumstände von August bis November 1918 und das Handeln der in diesem Zeitraum agierenden verantwortlichen Personen genauer betrachtet, was ich bei vielen Mainstream-Historikern und auch bei Guido Knopp vermisse.

In der nächsten Folge: Durch Hungertod erpresster Vertrag