Kopp Verlag – Michael Grandt: Der »Friedensvertrag« von Versailles gilt in den Augen politisch korrekter Geschichtswissenschaftler nicht als Grund für Hitlers Aufstieg. Sonst könnte ja der Schluss gezogen werden, dass dessen Erfolg durch die unmenschlichen Bedingungen der Alliierten ermöglicht worden wäre, was die gängige Geschichtsschreibung auf den Kopf stellen würde. Und doch spricht vieles dafür.

In dieser Folge: Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges – 2. Teil

Vorbemerkung:

Wir sind immer noch massiven Geschichtsverfälschungen ausgesetzt. Das gilt besonders für die Zeit zwischen 1914 und 1945 und speziell für das Dritte Reich. Überaus eifrig damit beschäftigt, uns die »Wahrheit« näherzubringen, ist dabei der mit vielen Aufzeichnungen und Preisen geehrte Prof. Dr. Guido Knopp, der zwischenzeitlich fast alle Dokumentationen über die Zeit des Nationalsozialismus, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden, betreut. Aber auch seine Bücher sind überaus erfolgreich, obwohl sie für einen Historiker der wahre Albtraum sind: häufig keine Fußnoten, keine Quellenangaben und Zitate, die einfach so im Raum stehen. Nicht umsonst bemängeln Kritiker, dass die Knoppsche Geschichtsdarstellung zu oberflächlich sei und die Zusammenhänge stark vereinfacht werden. Doch wie kaum ein anderer Historiker beeinflusst Knopp mit seinen Dokumentationen und Büchern die Meinung der Menschen. Zeit also, ihm und seinen Mainstream-Kollegen auf die Finger zu schauen und ihre Behauptungen unter die Lupe zu nehmen. In unregelmäßigen Abständen werde ich deshalb zu diesem Thema Artikel veröffentlichen.

Ich agiere dabei als Journalist und fühle mich nichts anderem als der objektiven Recherche verpflichtet. Der Leser kann sich so ein eigenes Bild machen. Kritikern sei angeraten, nicht polemisch zu reagieren, sondern die angegebenen Quellen zu widerlegen.


Österreich-Ungarn, gestärkt durch die Rückendeckung seitens des Deutschen Reiches, stellte am 23. Juli 1914 ein Ultimatum an Serbien (1) und verlangte in diesem von der serbischen Regierung eine öffentliche Verurteilung der großserbischen Propaganda, deren Unterdrückung und die Mitwirkung der österreichischen Regierung bei der Untersuchung des Attentates (2).

 

Daraufhin setzten vielseitige Vermittlungsbemühungen ein: Deutschland ersuchte Russland, Serbien zur Räson zu bringen, Russland hingegen Deutschland, mäßigend auf Österreich-Ungarn einzuwirken. Nur Frankreich drängte Russland zur raschen Mobilmachung. (3)

Mobilmachungen und Kriegserklärungen

Zur Überraschung Wiens akzeptierte Serbien fast alle Forderungen mit der Ausnahme, dass es nicht bereit war, österreichische Ermittlungsbeamte, die das Attentat am österreichisch-ungarischen Thronfolger aufklären sollten, auf seinem Territorium zu dulden. (4)

Aber nur drei Stunden nach Übergabe der Antwortnote erfolgte die serbische Mobilmachung. (5) Die Donau-Monarchie antwortete sechs Stunden später ihrerseits mit der Teilmobilmachung von acht Armeekorps. (6) Österreich-Ungarn zog einen Krieg nun in Erwägung. Den britischen Plan einer Viermächte-Konferenz als auch die russische Idee, den Konflikt vor das Haager Schiedsgericht zu bringen, lehnte der österreichisch-ungarische Außenminister ab. (7)

Am 24. Juli 1914 sagte dann auch der russische Ministerrat zu, in vier Militärdistrikten eine Mobilmachung vorzubereiten, die am 25./26. Juli eingeleitet wurde. (8). Am 28. Juli erfolgte schließlich die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien. (9) Am 29. Juli teilte der britische Außenminister Edward Grey den Deutschen mit, Großbritannien würde sich aus dem sich abzeichnenden Konflikt nicht heraushalten. (10) Daraufhin forderte der deutsche Reichskanzler Bethmann-Hollweg die Österreicher zur Vermittlung auf. Wörtlich hieß es in seiner Depesche an die deutsche Botschaft in Wien:

»Wir müssen, um allgemeine Katastrophe aufzuhalten oder Russland ins Unrecht zu setzen, dringend wünschen, dass Wien Konservation mit Russland beginnt. Wir sind zwar bereit, unsere Bündnispflicht zu erfüllen, müssen es aber ablehnen, uns von Wien in einen Weltbrand hineinziehen zu lassen.« (11)

Doch es war bereits zu spät und die Dinge nahmen unaufhaltsam ihren Lauf: Zwei Tage später, am 30. Juli, entschloss sich Russland dann endgültig zur Generalmobilmachung (12), was Kaiser Wilhelm II. wie ein Schock traf. Aus Ostpreußen kamen Meldungen über russische Truppenbewegungen an der Grenze. (13) Wilhelm II. schickte eine letzte Depesche an den russischen Zaren Nikolaus II. mit folgendem Inhalt:

»Die Verantwortung für die Sicherheit meines Reiches zwingt mich zu vorbeugenden Verteidigungsmaßnahmen. In meinem Bestreben, den Frieden der Welt zu erhalten, bin ich bis an die äußerste Grenze des Möglichen gegangen. Die Verantwortung für das Unheil, das jetzt die ganze zivilisierte Welt bedroht, wird nicht auf mich fallen.« (14)

Der Kaiser konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass aber genau dies fünf Jahre später im Vertrag von Versailles durch die Siegermächte festgeschrieben werden würde und dem deutschen Volk viele Jahrzehnte lang Reparationszahlungen auferlegt würden.

Am 31. Juli forderte Deutschland Russland auf, die Mobilmachung zu beenden, was nicht geschah. (15) Am 1. August 1914 um 17.30 Uhr machte Deutschland dann selbst mobil, nachdem Frankreich bereits um 15.30 Uhr die allgemeine Mobilmachung befohlen hatte (16), und erklärte Russland den Krieg, nachdem der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Friedrich Graf von Pourtalès, am Vorabend ein letztes, ergebnisloses Gespräch mit dem russischen Außenminister Sasonow geführt hatte (17). Graf von Pourtalès hatte den russischen Außenminister Sasonoff dreimal hintereinander gefragt, ob er die verlangte Erklärung betreffs Einstellung der Kriegsmaßnahmen gegen Deutschland und Österreich geben könne und nach dreimaliger Verneinung der Frage schließlich die Kriegserklärung übergeben. (18)

Seltsam mag es in diesem Zusammenhang anmuten, dass russische Truppen bereits in der Nacht vom 1. auf den 2. August an mehreren Stellen die ostpreußische Grenze überschritten hatten (19), was auf eine noch frühere russische Mobilmachung schließen lässt, sonst hätten die Verbände zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht an diesen Ausgangstellungen sein können.

Festzustellen ist jedoch, dass Deutschland als letzter Staat mobilmachte.

Eine »Falle« für den deutschen Kaiser

Auch Frankreich, das seit 1870 von einem Vergeltungskrieg gegen Deutschland träumte (20), hatte mit der Mobilmachung seine Verpflichtungen gegenüber Russland (21) erfüllt. Zuvor hatte der englische Außenminister Grey den Franzosen noch versichert, Deutschland werde sie nicht angreifen, wenn diese sich im Falle eines Krieges gegen Russland neutral verhalten würden (22). Doch diese Chance zu einem Frieden zwischen Deutschland und Frankreich war durch die vorherige französische Mobilmachung zunichtegemacht worden.

Frankreich hatte Deutschland den Krieg zu diesem Zeitpunkt noch nicht erklärt, denn Präsident Poincarè hatte in einem Gespräch mit dem russischen Botschafter in Paris, Alexander P. Iswolski, noch am 1. August erläutert, dass es aus »Erwägungen, die hauptsächlich England« betreffen, besser wäre, wenn »die Kriegserklärung nicht von Seiten Frankreichs, sondern von Deutschland« erfolge (23).

Dies geschah offensichtlich nur aus einem Grund: Die Engländer zu einem Krieg gegen Deutschland zu bewegen – und tatsächlich tappte der Kaiser in diese »Falle«: Deutschland erklärte Frankreich am 3. August formell den Krieg. Einen Tag später erfolgte dann die englische Kriegserklärung an Deutschland. (24) Am 6. April 1917 wird auch die USA Deutschland den Krieg erklären, nachdem England in den Jahren zuvor massive amerikanische Unterstützung erhalten hatte, ähnlich wie dann im Zweiten Weltkrieg. (25)

Deutsche Kriegsschuld?

Wie wir aus diesen Ereignissen ersehen können, trug folglich kein einzelner Staat besondere Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges (26), wenn man auch Österreich-Ungarn (27), Serbien, Frankreich und vielleicht Russland in die größte Verantwortung nehmen könnte. Aber nicht das Deutschen Reich.

Einige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte die deutsche Reichsregierung die Akten des deutschen Auswärtigen Amtes von 1870 bis 1914. Mit diesen 40 Bänden konnte sie überzeugend die Alleinschuld Deutschlands am Kriegsausbruch widerlegen. (28) 1950 erklärten führende französische und deutsche Historiker bei einer Tagung: »Die Dokumente erlauben es nicht, einer Regierung oder einem Volk im Jahre 1914 einen vorsätzlichen Wunsch nach einem europäischen Krieg zuzuschreiben.« (29) Der Krieg war wahrhaftig »ein Kind von Furcht und Unsicherheit, geboren von einem internationalen System aus bewaffneten und souveränen Staaten« (30), wie es der britische Historiker David Stevenson beschreibt.

Dennoch lautete Artikel 231, der sogenannte »Kriegsschuldartikel« im Versailler Vertrag: »Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben« (31).

Noch viel schlimmer als die beträchtlichen, historisch bis dahin einzigartigen wirtschaftlichen und finanziellen Forderungen war für die deutsche Bevölkerung diese moralische Demütigung. Die himmelsschreiende Ungerechtigkeit brachte die Massen gewaltig auf, was auch Adolf Hitler und allen Gegnern des Versailler Vertrages Jahre später in die Hände spielen sollte.

In der nächsten Folge: »Geschlagene« Deutsche?

Quelle:  kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/michael-grandt/adolf-hitler

mehr:

Adolf Hitler – »Geboren« in Versailles? (1)
http://www.xinos.net/deutsches-reich/das-3-reich/a-hitler/